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„Jenseits seines Status in der Hall of Fame des Rock'n'Roll ist Joe Strummer für mich ein Philosoph. In ihm konzentrierte sich das Leben und die Zeit, die wir alle erlebten. Was er diskutierte und worüber er nachdachte, war die Natur des Menschen, war die Bedeutung der Freiheit... eine Menge Fragen, die in unserer jetzigen Lebensweise einfach ausgemerzt wurden. Seine Worte zu mir waren: „Das Denken ist der Grund, warum man am Morgen aufsteht.“ Und er hatte Recht. Solange es uns noch möglich ist, sollten wir denken. Während das also auf der einen Seite ein Film über Verlust ist, ist es doch gleichzeitig auch eine Feier all dessen, wofür Joe stand. Er hat es alles von Anfang an richtig durchdacht.... und er liebte es auch, die Regeln zu brechen. Widerspruch war seine Natur, und es war entscheidend für mich, dass der Film das auch zeigt.

Ich habe bisher nie einen Film über jemanden gemacht, den ich richtig gut kannte und für den man ein Verantwortungsgefühl hat. Man denkt: „Was machst du mit diesen, deinem Freund, wenn du versuchst, einen Film über ihn zu machen?“ Man muß sich bei den Dingen, die man rausschneidet, und denen, die man im Film lässt, absolut sicher sein; egal, ob es darum geht, die guten Sachen raus- und die schlechten Sachen reinzunehmen. Die Kombinationen sind unendlich, das ganze Leben eines Mannes könnte eine Million Filme ergeben. Und Joe... sein Leben, all seine Gedanken waren gesammelt in Plastiktüten voller Notizzettel und Postkarten und Papiere, eine Masse an Worten und Bildern. Er ist also wirklich jemand, der ein riesiges Erbe hinterlassen hat. Schon ab einem sehr frühen Zeitpunkt hat er sich Sachen ausgedacht, wieder korrigiert, verworfen. Mittlerweile ist noch mehr Material dazugekommen, was unseren Spielraum für die Geschichte noch erweitert hat.

Ich hatte eine lustige Verbindung zu Joe. Ich bin im gleichen Jahr geboren und wir teilten eine Menge Widersprüche, gemeinsame Zeiten und Erfahrungen. Da war die ganze Geschichte mit den 60er Jahren in London, die mich wirklich angemacht hat. Dann die Hippie-Zeit mit Glastonbury 1971. Dann, zurück in London, kam die ganze Hausbesetzerei und danach begann die Punkbewegung. Viele der Veränderungen, die Joe durchlebt hat, habe auch ich erlebt. Dadurch bekommt der Film auch etwas von einer Autobiographie, was es für mich einfacher gemacht hat.

Es halfen und inspirierten uns aber auch die anderen Hinterlassenschaften, die Joe und seine engsten Freunde beisteuern konnten – ob durch ihre Filme, durch ihre Anwesenheit bei den Lagerfeuern oder durch ihre Erinnerungen. All dieses wunderbar körnige Archivmaterial zu sehen ist wirklich, als würde man wieder die Anfangszeiten von The Clash bewohnen. Die Leute werden überrascht sein, das zu sehen. Es hat immer etwas Magisches, wenn man ganz beiläufige Sachen im Film entdeckt – wie Joe mit seinem Bruder spielt, wie Joe die 101ers Klamotten in die Elgin Avenue reinträgt – das sind die Dinge, die fast wichtiger sind als die Besinnungsmomente.

Schon Anfang des Jahres 1976 habe ich versucht, diesen Film über The Clash zu machen, habe dann das Schiff gewechselt, bin zu den Sex Pistols gegangen und jeden Kontakt für mehr als 20 Jahre abgebrochen, obwohl ich tiefe Liebe für die Band empfand und für das, was sie repräsentierten. Damals kam ich nicht nahe genug an Joe ran. Es war also eine ziemliche Überraschung, als er vor 10 Jahren an meiner Gartentür stand. Er suchte nach einer Wohnung in Somerset und ich war wirklich geschockt, ihn wiederzutreffen. Zusammen haben wir uns eine ganze großartige Nacht um die Ohren gehauen, haben versucht, ein Feuer zu machen und diesen Heissluftballon in die Luft zu kriegen, den ich gerade baute. Von diesem Moment an herrschte Nähe, die bis zu seinem Tod andauerte.

Die Natur des Films ist die breite Sicht auf Joes gesamtes Leben und seiner Zeit. Man wird überrascht sein zu sehen, dass die Zeit vor The Clash mindestens so lohnenswert und interessant ist wie die Zeit danach. Ich möchte, dass es als punkig und herausfordernd gesehen wird. Für mich steht Joes Leben wie ein Sinnbild der Hoffnung. Wir mögen uns selbst als Hippis zum Narren gehalten haben, aber als wir Punks wurden, waren wir voller Energie und das habe ich mit ihm geteilt – wir hatten eine ähnliche Art von Kraft.“

Julien Temple

Filmstill

Was machst du mit deinem Freund, wenn du versuchst, einen Film über ihn zu machen?